Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 31.10.2022

809_Blindtext für den Unterarm

Wenn man mal nicht zu Hause übernachtet und anderntags heimkommt, können einen große Überraschungen erwarten, besonders, wenn man mit seinem neunzehnjährigen Sohn zusammenwohnt. Einmal stellte ich zum Beispiel größere Mengen Ei an der Wand meines Büros fest. Nick hatte mit seinem Freund Finn mein Fenster geöffnet und sich mit den gegenüber wohnenden Studenten eine Eierschlacht geliefert. Bei anderer Gelegenheit hatten Nick und seine Freundin Fee die Zubereitung von Cannelloni erprobt und unsere Küche dabei in ein riesiges mit Hackfleisch und Béchamelsauce gefülltes Nudelrohr verwandelt.
Als ich vorgestern die Wohnungstür aufschloss, kam er mir etwas hektisch entgegen und sagte: „Ich habe noch gar nicht mit Dir gerechnet.“ Das fand ich seltsam. Wenn ich vor Jahren heimlich zur Fremdenlegion gegangen wäre, könnte ich so einen Satz ja verstehen. Aber ich war bloß einen Tag weg. Da ist meine Rückkehr absolut keine Überraschung.
An unserem Esstisch saßen drei junge Männer und tranken Bier. Sie stellten sich höflich als Rafael, Moritz und Franz vor und sie machten einen etwas nervösen Eindruck. Der verstärkte sich, als Nicks Zimmertür aufging und ein Bursche heraushuschte, der knapp grüßte und dann ohne weitere Worte durch die Wohnungstür entwich. „Was ist hier los?“ fragte ich nicht ohne Misstrauen. Ich ging in Nicks Zimmer. Dort hatte Fee eine Massagebank aufgebaut und winkte mir fröhlich mit ihrem Tätowiergerät. Offenbar hatten sie und Nick in meiner kurzen Abwesenheit ein Tattoo-Studio aufgezogen. Und mein Esstisch diente als Wartezone.
Rafael zog sein T-Shirt aus und verschwand im Kinderzimmer meines Sohnes, von wo bald das Surren der Bildermaschine zu hören war. Ich nahm mir ein Bier und unterhielt mich mit den Jungen, die sich zu Anhängern der Letzten Generation erklärten. Das sind die Umweltaktivisten, die in Museen Bilder mit Tomatensuppe und Kartoffelpüree bekleckern. Selbst Menschen wie ich, die im Grunde ihre Ziele teilen, halten diese Typen für ausgemachte Knalltüten, was Moritz so nicht stehen lassen wollte. Immerhin habe man sich ganz bewusst nur Bilder mit Glasschutz ausgesucht. Es sei nämlich keineswegs die Absicht gewesen, Kunstwerke zu zerstören, sondern öffentlichkeitsstarke Bilder zu produzieren, um auf ein wichtiges Thema hinzuweisen. Da ist natürlich was dran. Wenn die Aktivisten von ihnen selbst gemalte Sonnenblumen oder Heuschober beworfen hätten, wären sie damit nicht einmal bis zu ihren Eltern durchgedrungen. In die Nachrichten kommt man als Suppen– oder Breiwerfer nur, wenn man van Gogh und Monet zu Komplizen bei der Öffentlichkeitsarbeit macht. Eigentlich klug überlegt, solange der Schaden mit Küchenkrepp behebbar bleibt.
Ich ging in mein Büro, um Mails zu checken. Und siehe da, ich habe doch tatsächlich einen Brief von Marie-Elisabeth Schaeffler bekommen. Sie ist eine der reichsten Deutschen und hat sich entschieden, mir etwas von ihrem Geld zu schenken, was ich ebenso freundlich wie angemessen finde. Nun kenne ich aber auch diese Betrugs-Maschen im Internet, wo einem wer weiß was vorgegaukelt wird, um einen dann zu betrügen. Auf so etwas falle ich nicht herein. Ich checkte also die Mail-Adresse von Frau Schaeffler und stellte fest, dass diese zu einer Firma im Iran gehört. Die Homepage des iranischen Schaeffler-Unternehmens enthält ausschließlich den Blindtext „Lorem ipsum dolor sit amet“. Es soll einfach nicht jeder wissen, was die Frau Schaeffler so im Iran treibt. Das konnte ich gut verstehen.
Ich schrieb Frau Schaeffler zurück, dass sie mir das Geld am Dienstag um 15 Uhr in einem kleinen Koffer vorbeibringen kann. Sie bekommt auch einen Kaffee. Nach zwei Stunden besuchte ich wieder den Wartebereich vor meiner Küche. Fee war fertig mit Rafaels Tattoo und dieser zeigte es in die Runde. Sie hatte ihm das Etikett der Heinz-Tomatensuppe auf den Oberarm getackert. Eigentlich wollte Rafael einen schönen Haufen Kartoffelbrei, aber das ist künstlerisch schwierig zu machen und nicht so plakativ.
Fee fragte, ob ich nicht auch eine schöne Tätowierung haben wolle. Ich bat um Bedenkzeit und heute Mittag ist mir ein perfektes Motiv eingefallen: „Lorem ipsum dolor sit amet“. Nichts beschreibt mein irdisches Dasein so gut wie ein in der Helvetica gesetzter Blindtext.