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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.11.2022

810_Ball und Rauch

Manchmal sehe ich mir den „Doppelpass“ bei Sport 1 an. Es handelt sich dabei um eine sonntägliche Diskussionssendung, bei der ältere Männer über den Spieltag der Fußball-Bundesliga debattieren. Die Veranstaltung wird live mit Publikum aus einem Hotel in Oberding übertragen und manchmal ruft Uli Hoeneß mittendrin an. Dann donnert er gottgleich aus dem Himmel herab und verteilt Rügen an die teilnehmenden Fachleute.
Die meisten Menschen im Publikum tragen enganliegende Fußballtrikots und viele haben mit ihren Tickets auch ein Hotelzimmer gebucht, wofür es einen Burger und ein Sparschwein geschenkt gibt. Dieses Sparschwein nennen sie in der Sendung „Phrasenschwein“ und jeder Talk-Gast, der eine Fußball-Plattitüde wie zum Beispiel „Geld schießt keine Tore“ oder „hoch und weit bringt Sicherheit“ von sich gibt, muss Geld hineinwerfen.
Wenn ich die Sendung sehe, stelle ich mir immer vor, wie es wohl dort riechen mag. Wahrscheinlich nach Bierpups, lauwarmer Rechaud-Brennpaste und Eau d’Effenberg. Jedenfalls ist der „Doppelpass“ wahrscheinlich der einzige Ort der Welt, wo Männer über Fünfzig noch weiße Turnschuhe ohne Söckchen tragen, wenn man mal Parteitage der FDP ausblendet. Vorletzte Woche hatten fünf von sieben der Diskutanten weiße Sneaker an und man kann sicher sagen, dass es nun allerspätestens Zeit ist, davon Abstand zu nehmen. Jedenfalls erinnerte mich die Sitzordnung sehr an die klassische Tafelrunde König Artusscher Prägung oder an das moderne Äquivalent dazu: Der Feuerschale.
Letzten Montag saß ich sehr lange an einer und es war wie beim Doppelpass, auch wenn mehr Frauen dabei waren. Aber das Prinzip ist dasselbe: Man hockt im Halbkreis herum und bespricht die wesentlichen Dinge, es wird Bier vorbeigebracht und am Ende sind die Füße ganz warm und die Ohren eiskalt. Der menschliche Körper ist nicht für Feuerschalen gedacht. Dauernd denkt er: ja was nun? Soll ich jetzt vor Kälte zittern oder mich totschwitzen?
Freundin Lara hatte mich an Halloween angerufen und erzählt, dass die Kinder ausschwärmen würden, um den Jahresvorrat an Süßigkeiten aufzufüllen. Man könne ihr und den Nachbarn derweil Gesellschaft an der Feuerschale leisten und ich müsse mich nicht verkleiden. Als ich ankam, brüllte sofort einer, dass ich gar nicht verkleidet sei. Ich entgegnete, dass ich sehr wohl kostümiert sei, und zwar als Überbringer seiner Gasrechnung, was alle grausig fanden. Ich setzte mich auf den letzten freien Stuhl und erhielt ein Bier und eine Rauchvergiftung, denn dieser Platz war jener, wo der Qualm aus der Schale hinzog. Also nahm ich den Stuhl und setzte mich woanders hin, was der Rauch allerdings nach wenigen Minuten bemerkte, und seine Richtung wechselte, um mich schön einzuschmauchen. Ich setzte mich um. Doch egal, wo ich Platz nahm, der Qualm kam mir hinterher und irgendwann war es mir egal. Ich verwandelte mich also in einen Räucherschinken und hörte Tobias zu, der sehr viel von seinem Job sprach, in dem er andauernd die Kohlen aus dem Feuer holen müsse und den Steigbügelhalter spiele, der viele Projekte in die Pipeline schiebe, jedenfalls wenn der Vorstand grünes Licht gebe. Der Mann war kaum zu bremsen. Er sage immer, wenn er nach einem Rabatt gefragt werde, das sei die Hauptstadt von Marokko. Und abzüglich Märchensteuer sei schon noch Musik in seinem Business. Hoffnung sei dabei jedoch keine Strategie, man müsse proaktiv den Kunden abholen und sich comitten. Als seine kluge Frau strategisch geschickt aufstand, um sich zu verabschieden, weil sie gerne zuhause noch eine gute Stunde Ruhe vor diesem Quälgeist haben wollte, rief er ihr „Tschüssikowski“ hinterher.
Ich hatte seinem Geplapper nichts entgegenzusetzen und betätigte mich weiter als Rauchverzehrer. Nach gut zwei Stunden hatte Tobias sich endlich sämtlicher Plattitüden entledigt. Wenn er ein Phrasenschwein hätte füllen müssen, hätte dies ungefähr das Bruttoinlandsprodukt von Burkina Faso enthalten. Tobias stand auf und winkte in die Runde, dann ging er. In weißen Turnschuhen. So schließt sich der Kreis. Ich setzte mich auf Tobias‘ Platz, der die ganze Zeit komplett rauchfrei gewesen war. Und in Sekunden war ich eingenebelt. Um es mit Andi Möller zu sagen: Ich hatte vom Feeling her ein gutes Gefühl.