Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bahn-Opfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.11.2022

811_Im Dunstkreis des Knoblauchs

Zu der Frage, was genau guter Geschmack ist und was nicht, haben die Menschen zum Glück unterschiedliche Ansichten. Zum Glück deswegen, weil diese Differenzen ein Ausdruck von Autonomie sind und die muss man pflegen. Es gibt zum Beispiel Irre, die den Mercedes EQS als Krönung automobilen Designs feiern. Ich hingegen bin der maßgeblichen Meinung, dass es sich bei der Gestaltung dieses Autos um widerlichen Zukunftskitsch handelt, besonders was den Innenraum angeht. Was war nur mit den Leuten los, die sich das ausgedacht haben?
Dasselbe ging mir auch durch den Kopf, als ich zum ersten Mal Quäse im Supermarkt gesehen habe, oder Harald Glööckler oder andere hybride Zwischenwesen, die irgendwie dem Zeitgeist entsprungen und damit natürlich grundsätzlich erst einmal positiv zu bewerten sind. Schließlich erweitern sie das Spektrum der Gesellschaft, sie bereichern uns, sie machen uns ein Angebot. Auch wenn Quäse schmeckt wie Rauhfasertapete mit Jodsalz.
Eine Geschmacksfrage ist auch die Angewohnheit meines Sohnes Nick, in seinem Bett zu speisen. Er könnte dafür einen so genannten Tisch aufsuchen, wir haben mehrere in unterschiedlichen Größen. Aber Nick zieht es vor, im Bett zu essen. Komplizierte Menüs kommen dafür nicht in Betracht. Außerdem mag er es, wenn außer seiner Freundin Fee auch dreitausend Chipskrümel mit ihm kuscheln. Ich glaube, er findet das glamourös. Ich find’s total asi. Diskussionen bringen aber gar nichts. Ich habe ihm daher einfach in meiner Eigenschaft als Hauptmieter unserer Wohnung untersagt, im Liegen zu essen, vor allem keine Dino-Nuggets mit Ketchup. Aber Nick hält sich nicht daran. Er findet, sein Zimmer sei eine Art rechtsfreier Raum und ich ein Boomer, der nichts von feiner Lebensart verstehe.
Das mag zutreffen, vielleicht bin ich zu empfindlich. Was meine Nase angeht, ganz bestimmt. Ich wünschte ihr manchmal, so taub zu sein wie mein rechtes Ohr. Dann hätte sie es auf Reisen nicht so schwer. Diese Woche fuhr ich mit dem Zug und sieben Meter entfernt saß ein Typ, der nach Knoblauch stank wie ein adliger Vampirjäger. Er durchseuchte den ganzen Wagen, die Masken halfen kein bisschen. Wenn man den Dunst hätte sichtbar machen können, hätte der Zug hellgrün geschimmert. Der Herr fand das vermutlich angemessen, weil Knoblauch gesund ist. Er putzt sich damit die Zähne, quetscht ihn zehenweise in den Kaffee, isst ihn roh, gebraten, im Teigmantel und als Dessert im Vanillebecher. Er trinkt ihn als Saft, gurgelt damit, lutscht Knoblauchbonbons und lächelt mit offenem Mund im ICE zwischen Mannheim und Dortmund, während alle andere Fahrgäste seinetwegen zu Staub zerfallen. Mit Geschmacksfragen sollte man ihm nicht kommen. Immerhin könnte es ja sein, dass irgendwer mitreist, der sich über den Duft freut und den Urheber als Partner für erotische Abenteuer in Betracht zieht. Will man da Spielverderber sein?
Übrigens gibt es auch Geschmäcker, die ganz anders schmecken als das, was ihnen bei der künstlichen Herstellung als Vorbild diente. Die Apfelschorle von Adelholzener hat zum Beispiel überhaupt nichts mit Äpfeln zu tun. Dasselbe gilt für Kaugummi mit Erdbeergeschmack, der diesen nicht enthält, sondern das, was die Industrie so nennt. Am Ende dieser Behauptungskette befinden sich Kinder, die sich darüber beschweren, dass eine richtige Erdbeere überhaupt nicht so erdbeerig schmeckt wie ein Hubba Bubba.
Neulich lernte ich auf einer Party eine Frau kennen, die solche künstlichen Aromen für die Lebensmittel-Industrie kreiert. Sie erzählte mir, dass die Menschen immer wilder darauf würden, besonders wenn die Geschmackssorten exotisch seien. Dies sei für sie ein Segen, weil keine Sau wisse, wonach eine Guave oder eine Drachenfrucht oder eine Babaco wirklich schmeckten. Man könne da sehr kreativ sein. Die meisten Menschen seien ja nicht einmal dazu in der Lage, Aromen zu charakterisieren, die sie kennen. Dann bat sie mich, den Geschmack einer Tomate zu beschreiben. Ich scheiterte kläglich. Als ich nach Hause kam, klopfte ich bei meinem Sohn. Er lag im Bett und aß irgendwas beiges. Ich fragte ihn, wie eine Tomate schmecke und er antwortete: „Na wie wohl. Nach Ketchup.“ Er warf mir eine leere Flasche zu. Schon wieder leer. Er braucht viel davon.