Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bananenkrümmer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.11.2022

812_Eine Revolution fürs Radio

Manchmal dürfen Hörerinnen und Hörer in Radiosendungen anrufen und dort ihre Meinung zu irgendeinem Thema sagen. Im Rahmen so einer Sendung meldete sich neulich eine ältere Dame zu Wort und beschwerte sich bitterlich darüber, dass im Radio den ganzen Tag, also ununterbrochen und ausschließlich: über Fußball gesprochen werde. Sie wünsche sich stattdessen, dass täglich wechselnd irgendeine Partei eine Stunde über sich und ihr Programm reden dürfe. Und sie verlangte mehr Informationen für Verbraucher, zum Beispiel über aktuelle Gerichtsurteile.
Interessante Idee, aber damit wären ja nur knapp eineinhalb Stunden des Tages mit Programm befüllt. Was macht man mit der restlichen Zeit, wenn man nicht mehr über Fußball berichten darf? Man könnte natürlich Musik spielen, aber das ist den Menschen dann auch wieder nicht Recht, weil sie andere Musik mögen oder grundsätzlich mehr über Horoskope oder Venezuela hören würden. Man kann es nicht Allen recht machen, es ist wirklich ein Dilemma. Ich habe nicht in der Sendung angerufen, dabei könnte ich auch Vorschläge machen, die das Programm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bereichern würden. Zurzeit interessiere ich mich zum Beispiel brennend für Stern-Anis. Gut, Stern-Anis ist jetzt ein Nischenthema, aber wenn weniger Fußball gesendet würde, sähe ich dafür eine Chance.
Jedenfalls Stern-Anis. Momentan fehlt es mir daran und ich bin sicher, der Stern-Anis-Mangel ist ein in der Bevölkerung sehr verbreitetes Problem. Den Sternanis benötige ich für eine Tomaten-Sauce, welche ich ungefähr zwei Mal im Jahr zubereite. Gestern sollte es wieder so weit sein, ich zog die Schublade auf und was war nicht da? Sternanis. Dafür besitze ich mysteriöserweise vier Dosen gemahlenen Piment. Und das, wo ich nicht einmal weiß, was Piment überhaupt ist. Und dann vier annähernd volle Dosen.
Vermutlich kam das Wort „Piment“ in Rezepten vor, die ich nachgekocht habe. Es wird immer mal eine Messerspitze davon benötigt. Und wenn ich das lese und für die Zubereitung des Rezeptes einkaufe, erwerbe ich offenbar jedes Mal aufs neue Piment. Ich könnte vorher nachsehen, ob ich noch welches habe, aber der Nelkenpfeffer brennt sich offenbar nicht ein in meinem Gemüt. Und so besitze ich nun ungefähr zwölftausend Messerspitzen Piment und nicht ein einziges holziges Stücklein Stern-Anis. Man kann es nicht durch Piment ersetzen.
Über Piment gibt es auch nichts im Radio, was das Gewürz übrigens vom Gartenschläfer unterscheidet. Dieser wurde soeben zum Tier des Jahres gewählt und erhielt auf diese Weise viel Aufmerksamkeit in den Medien. Zusammengefasst kann man sagen, dass der Gartenschläfer sehr hübsch ist, außerdem ist er weitläufig mit dem Siebenschläfer verwandt und inzwischen sehr selten. Dieses Schicksal hat er mit der Zwergohreule gemein, die so unfassbar selten ist, dass sie bis vor kurzem noch völlig unbekannt war. Otus Bikegila, wie die Zwergohreule auf lateinisch heißt, lebt ausschließlich auf einer Insel im Golf von Guinea. Sie besiedelt eine Fläche von nur etwa fünfzehn Quadratkilometern im Dschungel und war dort bislang weitgehend sicher vor Fressfeinden und dem Bayerischen Rundfunk. Nun wurde sie also entdeckt, klassifiziert und augenblicklich auf die Liste der bedrohten Tierarten gesetzt, weil bereits ein örtlicher Sturm ausreichen könnte, um die gesamte Population auszulöschen. Global betrachtet gibt es die Zwergohreule fast gar nicht. Sie ist für die Welt, was der Sternanis für mich ist, nämlich quasi nicht vorrätig.
Das bringt mich zu einem Vorschlag, mit dem sich das Radioprogramm deutlich verbessern ließe. Wie wäre es, wenn im Radio täglich um zehn Uhr eine Sendung darüber käme, was alles in meinem Haushalt gerade fehlt. Eine freundliche Nachrichtensprecherin würde mich darüber informieren, dass Sternanis alle sei. Man könnte diese News mit Hintergrundfakten, Anekdoten und Rezepten anreichern, dann würde die Berichterstattung auch anderen Hörerinnen und Hörern einen Mehrwert bieten. Besonders die Rezepte halte ich hierbei für zielführend. Revolutionär wäre eine Anleitung für Zwergohreule mit Gartenschläferfilet im Sternanismantel an Pimentschaum. Aber im Radio kommt ja immer nur Fußball.