Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.11.2022

813_Wünsche im Kohldampf

Das muss doch jetzt wirklich nicht sein: Ich habe mir beim Verzehr von Grünkohl den Gaumen verbrüht. Da ist jetzt eine riesige Blase und das ist unangenehm. Natürlich hätte ich mir diese Last gut ersparen können. Erwachsene Menschen sollten dazu in der Lage sein, ihre Bedürfnisse zurückzustellen, bis der Grünkohl ein wenig abgeklungen ist. Er kam mit ungefähr dreitausend Grad auf den Tisch und dampfte, was ein sehr gutes Indiz für größere Wärmeentwicklung ist, wie jeder Fünfjährige weiß.
Aber anstatt einfach ein wenig zu warten, nahm ich die Gabel und baggerte los. Als ich die Hitze spürte, dachte ich für einen Augenblick daran, die Grünkohl-Lava einfach auszuspucken, aber das macht sich nicht gut, nicht einmal in Oldenburg. Ich kaute also mit offenem Mund darauf herum, Hitze quoll aus meinem Mund, Dampf aus meinen Ohren und dann schluckte ich den Bissen einfach herunter. Ich spürte, wie der Kohl in meinen Leib sank und dabei Zentimeter um Zentimeter meine Speiseröhre verlötete. Darauf trank ich ein Glas Mineralwasser, dessen Bläschen über den gereizten Gaumen bürsteten und mich zusätzlich quälten. So blöd muss man erst einmal sein.
Erfahrene Gourmets bestellen zum Grünkohl ein Schälchen mit Eiswürfeln, die sie darauf schmelzen lassen. Oder sie haben immer einen kleinen Ventilator auf Tasche, mit dem sie den Kohl kühlen und je nach Windstärke im Restaurant verteilen. Was man aber einfach nicht macht, ist einfach drauflos zu mampfen. Nachdem mein Inneres wieder die normale Körpertemperatur erreicht hatte, checkte ich meine Nachrichten in der Familiengruppe bei WhatsApp. Ich hatte die Kinder gebeten, mir ihre Wunschzettel für Weihnachten zukommen zu lassen. Ich schenke gerne, was sie sich wünschen. Es macht mir mehr Spaß, als hinterher in die toten Augen von London zu blicken, wenn ich ihnen überreiche, was ich gut finde.
Carlas Liste war recht umfangreich und umfasste neben einigen Büchern auch Kleidung sowie als zentralen Auftrag den Wunsch nach einen Gutschein für eine Tätowierung bei Chaim Machlev. Sie ergänzte diesen Wunsch um einen Link, damit ich mir ansehen konnte, was der so macht.
Es ist wirklich beeindruckend, das schon. Und ich bin nicht grundsätzlich gegen Tattoos. Bei den allermeisten Menschen der Welt ist mir das wurscht. Nur bei meinen Kindern nicht. Ich habe angeboten, ihr statt des Gutscheins eine schöne Kaffeemaschine zu schenken, aber sie möchte etwas, dass sie immer mit sich herumtragen kann und da ist eine Kaffeemaschine denkbar umständlich, das gebe ich zu. Man kann heutzutage mühelos mit einer Tätowierung in der Oper sitzen, mit einer Kaffeemaschine auf dem Schoß wird man hingegen schief angesehen.
Nicks Wunschliste umfasste nur zwei Posten, nämlich eine Heißluft-Fritteuse und ein Capybara. Er betonte, dass beide Wünsche unverhandelbar waren. Also machte ich mich auf die Suche nach guten Capybara-Angeboten und ich fürchte, das wird nichts. Erstens benötigt so ein Wasserschwein relativ viel Platz und zweitens sollte man immer mindestens zwei davon kaufen, damit sie sich nicht langweilen. Und sie werden ziemlich schwer. Ein erwachsenes Capybara wird ungefähr sechzig Zentimeter hoch und wiegt locker fünfzig Kilo. Man kann es nicht gut vom Sofa scheuchen und auch wenn es ziemlich genügsam ist, braucht es doch eine sumpfige Umgebung, die ich in einer Altbauwohnung nur mit größter Mühe und gegen die Hausordnung herstellen kann.
Für das Capybara spricht seine Genügsamkeit und der Umstand, dass es essbar ist, was bei der allgemeinen Weltlage durchaus interessant werden könnte. Man kann es trocknen und pökeln, das gilt in Venezuela als Delikatesse. Trotzdem wird es nichts werden mit Nick und einem Wasserschwein. Überhaupt fürchte ich, dass er seine Wunschliste noch einmal überarbeiten muss. Denn auch eine Heißluftfritteuse kommt überhaupt nicht infrage. Über eine Kaltluftfritteuse würde ich mit mir reden lassen, aber heiß ist im Hinblick auf meinen verschmurgelten Gaumen gerade nicht so mein Ding.