Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kapselheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.12.2022

814_Die intuitiven Freuden der KI

Nur selten betrete ich das Gemach meines Sohnes. Es ist ein ziemlicher Palast, jedenfalls im Vergleich zu dem Zimmer, in dem ich meine Jugend verbracht habe. Ich würde sagen, dass mein Sohn locker über die dreifache Fläche verfügt. Wo ich früher schon aus Platzgründen einen Wäschehaufen auftürmen musste, kann er dieselbe Menge Klamotten gleichmäßig im ganzen Raum verteilen, ohne anschließend große Umwege machen zu müssen, wenn er in die Küche an den Kühlschrank will. Ich nenne Nicks Zimmer daher „die große Halle des Volkes“ und schon aus reiner Ehrerbietung gehe ich selten hinein.
Meistens betrete ich sein Zimmer nur halb, um ihm mitzuteilen, dass das Essen fertig oder seine Mutter am Telefon ist. In beiden Fällen wimmelt er mich ab, um sich dann jedoch ächzend zu erheben und zu essen oder zu telefonieren. Nicht dass er Hunger hätte oder mit seiner Mutter sprechen wollte. Aber er sieht ein, dass er hier und da Kontakt zum Plebs halten muss.
Gestern ging ich hinein und sah ihm eine Weile beim Zocken zu. Ich bewundere ihn für seine Skills, die ihn offenbar dazu befähigen, einen im Dschungel versteckten Autokraten samt Leibwache lautlos zu erledigen und noch einen Goldschatz zu stehlen. Er machte eine kurze Spielpause, weil das nächste Level laden musste, nahm den Kopfhörer ab und erklärte mir, dass es zukünftig noch schwerer werde, gegen den Computer zu bestehen, weil die Spiele bald mit künstlicher Intelligenz ausgestattet würden. Das Programm lerne dann aus dem Verhalten des Spielers und treffe danach Entscheidungen, die den Spielverlauf beeinflussten.
Nick erzählte mir von einem Programm, wo das bereits ausprobiert wird. Im Strategiespiel „Diplomacy“ sei die KI dazu in der Lage, Züge von Mitspielern zu interpretieren und eigene Pläne zu ändern oder anzupassen, je nachdem wie die teilnehmenden Menschen sich verhielten. Nick fand das sensationell. Und auch ich bin sehr von künstlicher Intelligenz begeistert. Neulich las ich in einer Werbung für eine elektrische Zahnbürste folgende wunderbare Sentenz: „Neu ist die smarte, durch künstliche Intelligenz angetriebene Ladestation, die intuitiv beim Zähneputzen unterstützt und ein einzigartiges und personalisiertes Putzerlebnis bietet.“ Hammer, oder? Die Ladestation der Zahnbürste unterstützt intuitiv beim Zähneputzen. Das würde ich gerne mal live sehen, genau wie das einzigartige und personalisierte Putzerlebnis. Wobei ich das bereits kenne. Ich erlebe es immer, wenn ich den Herd reinige, nachdem Nick mit seiner Freundin Pudding gekocht hat.
Die KI in Spielen hat es Nick jedenfalls angetan und auch ich bin sehr zuversichtlich, was die weitere Entwicklung der Branche betrifft. In nicht allzu ferner Zukunft könnte es tatsächlich so kommen, dass die KI den Menschen als Spielpartner gar nicht mehr braucht. Die Programme könnten einfach gegen sich selbst antreten und wir hätten wieder mehr Zeit für andere Dinge. Überhaupt würde es mir sehr gut gefallen, wenn die künstliche Intelligenz für uns zeitraubende Aufgaben übernehmen würde, die zu nichts führen, wenn wir uns selbst damit beschäftigen.
Die KI könnte für mich über den Sinn des Lebens nachdenken, sie könnte meine Texte schreiben, damit ich mehr Zeit für personalisierte Putzerlebnisse habe und sie könnte intuitiv für mich Glühwein trinken. Da wäre ich sehr dankbar. Die Künstliche Intelligenz sollte vielleicht außer Autos auch Staaten lenken. Wir wären gar nicht mehr dabei. Wir lägen auf dem Sofa und läsen ein Buch, gut aufgehoben in der Gewissheit, dass die KI schon alles richtig macht. „In einer besseren Welt könnten wir uns seelenruhig auf die Künstliche Intelligenz verlassen,“ sagte ich. Nick nahm sein Spiel wieder auf und lief mit Knarre durch den Dschungel. Er sagte: „Ach Papa. In einer perfekten Welt ergibt 77 plus 33 hundert.“ Dann ballerte er einem Computergegner den Kopf weg. Es wird noch lange brauchen, bis die KI ihn schlägt. Irgendwie beruhigt mich das.