Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 12.12.2022

815_Nachhaltiges Imponiergewurstel

Beim Deutschen Fußball Bund wird nun also schonungslos analysiert. Darunter machen wir Deutschen es nicht. Dass eine Analyse im Grunde ihres Wesens immer schonungslos ist, weil es sich bei ihr nun einmal um die regelrecht emotionslose Auswertung von Tatsachen handelt und nicht um eine Interpretation oder eine vage Annahme, versteht sich zwar von selbst. Aber bei uns sind Analysen trotzdem immer: schonungslos.
Die schonungslose Analyse ist so etwas wie der grausige Fund einer Leiche durch hessische Pilzsucher bei Aktenzeichen XY. Das fand ich schon als Kind deshalb so faszinierend, weil ich mir dann immer sofort den ungrausigen Fund einer Leiche vorstellte. Der ungrausige Leichenfund spielt sich dergestalt ab, dass Pilzsucher Bernd hinter einem bemoosten Felsen auf eine angenehm duftende und insgesamt sympathische, wenn auch verstorbene Person stößt und seinem Freund Gerd zuruft: „Gerd, Guck mal. Da liegt jemand totes, das riecht gut und sieht wirklich zauberhaft aus. Fast so schön wie ein Buchen-Schleimling!“
Jedenfalls wird in den Medien nun also schonungslos analysiert, und zwar das Debakel der Nationalelf. Mancherorts auch das Desaster. Dabei wird mit der Sprache wieder nicht ganz korrekt umgegangen, den ein Debakel und ein Desaster sind nicht das Gleiche. Ein Debakel ist weniger als ein Desaster. Und ein Dilemma ist keineswegs dasselbe, sondern ein Problem mit zwei Lösungsmöglichkeiten, die aber beide die Angelegenheit nur verschlimmern, also im Ergebnis zu einem Debakel, wenn nicht sogar zu einem Desaster führen. Ein Dilemma ist beispielsweise die Wahl zwischen Süle und Schlotterbeck. Ein Debakel ist die Niederlage gegen Japan und ein Desaster das Ausscheiden in der Vorrunde. Hier muss fein unterschieden werden, was aber weder den Redaktionen noch dem Publikum so richtig gelingt.
Man kann sich nun fragen, woran es liegt, dass wir Deutschen mit unserer Sprache so unpräzise umgehen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir zu „verbalem Imponiergewurstel“ neigen, wie der Satiriker Eckhard Henscheid einmal den Gebrauch von Blähsprache und angeberischen Floskeln nannte. Das zeigt sich besonders deutlich in der Werbung, wo jeder Streichkäse mit dem Attribut „innovativ“ lackiert und wirklich jede noch so krude Hervorbringung eines Möbelherstellers als „nachhaltig“ bezeichnet wird. Und weil bei uns immer alles gleich so groß und so wichtig und wuchtig ist, haben wir Deutschen inzwischen kein Vertrauen mehr in unsere Sprache. Das führt allerdings nur dazu, dass wir noch dicker auftragen. Eine ziemlich pastose Wendung ist zum Beispiel jene, die man immer im Zusammenhang mit panisch in Gang gebrachten Gesetzesinitiativen liest. Dann heißt es, dass nun ein Maßnahmenpaket geschnürt werde. Oder auch ein ganzes Bündel von Maßnahmen, man könnte sogar sagen: Ein ganzes Paket Bündel wird da von der Regierung geschnürt.
Das bedeutet ja eigentlich erst einmal gar nichts. Denn so eine Schnürung kann man jederzeit lockern, um dem Bündel die eine oder andere Maßnahme wieder zu entnehmen, wodurch das Bündel zu einem Päckchen schrumpft, am Ende sogar zu einer Drucksache, welche niemals Gesetzeskraft erlangt. Dieser Schwund in die Bedeutungslosigkeit widerfährt dem Maßnahmenbündel, sobald die Öffentlichkeit die Dringlichkeit der Angelegenheit vergessen hat. Ein Beispiel dafür könnte das Sondervermögen der Bundeswehr werden, welches als hundert Milliarden Euro teures Paket angekündigt wurde und sich vermutlich im Laufe der Zeit soweit verzwergen wird, dass man irgendwann gar nicht mehr weiß, dass es das mal gab. Übrig bleibt dann ein nachhaltiges und innovatives Gedankenspiel.
Ein ähnliches Schicksal könnte dem so genannten Doppel-Wumms blühen, der als gebündeltes Paket an Maßnahmen vermutlich schon bald zu einem Wümmschen mutiert und erst wieder doppelte Wumms-Kraft erlangt, wenn Wahlen anstehen. Dann wird immer allerhand gebündelt, wobei die Packer vermutlich darauf hoffen, niemals in die Verantwortung zu gelangen, das gebündelte Paket tatsächlich eines Tages mal schnüren zu müssen. Wenn dies auf längere Sicht nicht geschieht, gibt’s Ärger und die Opposition fordert was? Genau: Eine schonungslose Analyse.