Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.12.2022

816_Glühwein international

Leider mache ich mir rein gar nichts aus Weihnachtsmärkten. Ich halte die Produkte, die es dort gibt, für Ausgeburten der Gestaltungshölle und würde höchstens hingehen, wenn es statt Glühwein Gin Tonic gäbe. Schon die Musik ist für mich reine Ohrenfolter.
Dennoch bin ich unbedingt dafür, dass es noch viel Weihnachtsmärkte geben sollte. Am besten wäre es, alle Fußgängerzonen Deutschlands verwandelten sich ab September in riesige Weihnachtsmärkte. Alle Büros, Arztpraxen und Behörden sollten dort ihr Büdchen haben, denn: Der Weihnachtsmarkt pflegt die Seele der Menschen. Er vermittelt Normalität. In einem Jahr, in dem nichts ist, wie es mal war, tut der Weihnachtsmarkt unverdrossen so, als sei 2019. Und das können die Leute gerade ganz gut gebrauchen.
Ich finde es hinreißend, dass sich die Menschen dort wohlfühlen. Es gibt nichts Schöneres, als gemeinsam mit anderen das Gefühl maximaler Behaglichkeit zu teilen. Dafür kommen nur zwei Orte in Frage, nämlich „unter der Bettdecke“ und „auf dem Weihnachtsmarkt“. Man müsste mal probieren, in deutschen Innenstädten immer je sechs bis acht Personen in eine riesige Daunendecke zu hüllen. Es ist vorstellbar, dass sich dabei derselbe Kuscheleffekt einstellen würde wie auf dem Weihnachtsmarkt. Allerdings würde nach fünf Minuten jemand krähen, dass er Glühwein wolle. Und manche würden rauchen, was man unter Bettdecken aber nicht soll. Vermutlich also doch keine so gute Idee. In anderen Ländern wird diese noch gar nicht alte Tradition nicht gepflegt. Aber da ist sowieso alles anders als bei uns. In Frankreich und Polen zum Beispiel kauft man den Weihnachtsbaum bereits zum ersten Advent und lässt ihn dann wochenlang stehen. Nach Heiligabend sieht er aus als sei er mit saurem Regen gegossen worden.
Es könnte sein, dass der Triumphzug des Weihnachtsmarktes letzten Endes von derartigen kulturellen Unterschieden aufgehalten, wenn nicht sogar verhindert wird. Vieles von dem, was wir an dieser Form der Geselligkeit und der Konsumfreude schön finden, sorgt andernorts für Verwirrung oder Verstimmung. Das fängt schon vor der Bestellung der ersten Glühweinrunde an. Wir Deutschen schütteln gerne Hände oder umarmen einander, selbst wenn wir uns nur flüchtig kennen. Chinesen hingegen sehen darin eine grobe Unhöflichkeit. Muslime werden immer Kinderpunsch bestellen und wenn er ihnen schmeckt, werden sie ziemlich sicher nicht ein „O“ mit Daumen und Zeigefinger formen. Bei uns bedeutet dieser Fingerzeig, dass man alles supi findet, in anderen Teilen der Welt handelt es sich dabei um eine überaus vulgäre Geste, die man im Zusammenhang mit Heißgetränken auch gar nicht recht deuten kann oder will.
Auch in punkto Geselligkeit haben wir andere Vorstellungen als beispielsweise die Japaner. Wenn wir auf eine Bratwurst eingeladen werden, bleiben wir danach noch ewig beieinander, schon weil wir es unhöflich fänden, nach dem Verzehr zügig aufzubrechen. Auf dem Weihnachtsmarkt in Tokio bedeutete das nicht-sofort-gehen, dass der Eingeladene noch Hunger hat. Das laute Lachen, dass an der Glühweinbude sekündlich aufgellt, ist bei uns Deutschen ein Zeichen dafür, dass jemand etwas Lustiges gesagt hat. In Japan bedeutet Lachen hingegen oft, dass jemand verlegen oder verunsichert ist. Und Japaner schweigen auch gerne. Sie fühlen sich wohl, wenn mal jemand nichts sagt, was auf einem deutschen Weihnachtsmarkt vollkommen ausgeschlossen ist. Überhaupt neigen wir Deutschen dazu, andauernd zu reden, um uns der Gegenwart und Wertschätzung unserer Mitmenschen zu versichern. So etwas ist den Finnen ein Graus. Sie sprechen nicht mehr als irgend nötig. Und das führt zu einem schwerwiegenden Missverständnis zwischen den Kulturen.
Wenn nämlich ein Finne jemanden auf dem Weihnachtsmarkt in Helsinki versehentlich anrempelt, wird er nicht dafür um Verzeihung bitten. Wir in unserer Kultur finden das maximal unhöflich. Der rempelnde Finne hingegen denkt sich: Jetzt habe ich den schon angerempelt, da will ich ihn nicht auch noch volllabern. Der Weihnachtsmarkt wird wohl auf lange Sicht eine deutsche Spezialität bleiben.