Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Trompetenkäfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.12.2022

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Die Tagesschau war zu Ende und als seien dort nicht schon genug apokalyptische Botschaften überbracht worden, kündigte Florian Silbereisen auch noch das große Adventssingen mit der Kelly Family an. Ich dachte gerade, dass ein schlimmes Jahr nicht symbolträchtiger ausklingen könnte, als Nick ins Wohnzimmer kam und darum bat, ihn zu einer Party zu fahren. Die Münchner S-Bahn sah sich dazu nicht in der Lage, denn es waren zwei Zentimeter Schnee gefallen und das macht die Leute bei der Bahn ratlos und verzagt.
Ich fragte, wo die Party sei, und dann fuhren wir nach Gräfelfing. Im Auto unterhielt mich Nick mit Scherzfragen, die gerade in seinem Kosmos populär sind. Eine davon lautet: Würdest Du eher auf einem Kuchen sitzen und einen Schwanz essen oder auf einem Schwanz sitzen und einen Kuchen essen? Als wir in der Bahnhofstraße in Gräfelfing ankamen, war dort keine Party. Alles dunkel, niemand dort, außer Florian Silbereisen in den flackernden Wohnzimmern. Nick sagte, es könne sein, dass er gar nicht in Gräfelfing eingeladen sei, sondern in Germering. Dort gab es ebenfalls eine Bahnhofstraße. Also fuhren wir hin, aber unter der Adresse firmierte keine Party, sondern ein Fachgeschäft für Hörgeräte. Ich wurde ein wenig unruhig, weil ich die Kerzen auf dem Adventskranz hatte brennen lassen, was man niemals tun sollte. Ich würde wegen Fahrlässigkeit den Wiederaufbau des Hauses aus eigener Tasche bezahlen müssen, wenn es bei meiner Rückkehr abgebrannt wäre.
Ich sagte Nick, er solle mal das Mädchen anrufen, das ihn eingeladen hatte. Aber er wusste ihre Nummer nicht. Sie waren nicht über WhattsApp verbunden und er kannte auch niemanden, der sonst da war. Er hatte sie auf einer Schlittschuhbahn kennengelernt und sie hatte ihm zum Abschied zugerufen, dass er zu der Party kommen solle. In der Bahnhofstraße in Gräfelfing. Oder Germering. Oder vielleicht Gilching, wie Nick nun vermutete. Im Westen von München gibt es eine verschwenderisch anmutende Anhäufung von Ortschaften, die mit „G“ anfangen und mit „ing“ enden. Wir fuhren nach Gilching.
Auf dem Weg dorthin telefonierte Nick mit seinem Freund Finn, weil der dabei war, als diese Einladung ausgesprochen wurde. Finn meinte, das Mädchen habe ganz sicher Gauting gesagt. Nick googelte und stellte fest, dass es sowohl in Gilching als auch in Gauting eine Bahnhofstraße gibt. Kunststück. Bahnhofstraßen gibt es überall, sogar dort, wo schon lange kein Zug mehr hält. In Gilching war dann ebenfalls keine Party.
Seltsamerweise bekam ich keine schlechte Laune, als wir uns nun daran machten, die Bahnhofstraße in Gauting aufzusuchen. Wir saßen bereits länger als eine Stunde im Auto und quasselten, spielten uns gegenseitig die Lieder des Jahres vor und hielten bei McDonald’s, weil wir hungrig wurden von der ganzen Fahrerei. Ich erzählte Nick, dass wir in den achtziger Jahren die Hamburger immer nur zur Hälfte aßen. Dann zogen wir die Gurkenscheiben heraus und reklamierten die Burger, weil keine Gurken drin waren. Das Personal musste dann kostenlos einen weiteren rausrücken. Die Verkäufer waren immer wahnsinnig genervt wegen uns, aber es funktionierte jedes Mal. Nick probierte es aus und zu seiner und meiner großen Freude klappt das immer noch. In Gauting war übrigens auch keine Party.
Wir beschlossen, nach Hause zu fahren. Vielleicht hatte das Mädchen ohnehin nur einen Scherz gemacht. Als wir fast zuhause waren, meldete sich Finn noch einmal. Er legte sich nun darauf fest, das Mädchen habe Grafing gesagt. Dort existiert ebenfalls eine Bahnhofstraße, aber der Ort liegt im Osten von München. War uns egal, wir hatten einfach Lust, dahin zu fahren und nachzusehen. In Grafing war alles dunkel und der Vorrat an Vororten mit „G“ und „ing“ endgültig erschöpft, wenn man von Garching absieht. Aber auf Garching hatten wir keinen Bock mehr. Wir kauften an der Tanke zwei Flaschen Bier und fuhren nach Hause, wo die Kerzen auf dem Kranz brav abbrannten.
Wir setzten uns an den Esstisch und tranken das Bier. Nick sagte, er habe sich lange nicht so gut amüsiert. Wir müssten dem Mädchen für den gemeinsam Abend dankbar sein. Ich nickte. Und wir werden nie erfahren, wo diese komische Party war. Ist aber auch vollkommen egal.