Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Trompetenkäfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 11.07.2022

793_Bildungs-Katastrophen

Das einzig Positive, das Katastrophen mit sich bringen können, ist ihr Effekt auf die Allgemeinbildung. Ich weiß zum Beispiel jetzt von der Existenz der Suwalki-Lücke. Dazu muss ich sagen, dass mir der Zustand von vor ein paar Monaten lieber wäre: Da hatte ich nicht den Schimmer einer Ahnung, was die Suwalki-Lücke sein könnte und hätte sie auf der Speisekarte eines griechischen Restaurants verortet. Wir alle wären zufrieden gewesen, denn: Nichts von der Suwalki-Lücke zu wissen, bedeutet, dass es keinen Krieg in der Ukraine gibt. Manchmal sind Dinge so einfach.
Ebenfalls neu in meinem Gehirn: Karakalpakstan. Diese Weltgegend ist so unbekannt, dass sie in Word unterkringelt wird. Aber nun hat sie dank der entsetzlichen Nachrichten aus dieser abgelegenen Region mein Bewusstsein erreicht. Karakalpakstan ist eine autonome Region in Usbekistan und die Karakalpakten kämpfen gerade darum, dass dieser Status nicht verloren geht, weil sie befürchten, dass dann ihre Kultur verschwindet. Weil einige von ihnen dafür mit ihrem Leben bezahlten, schaffte es dieser Konflikt in die Nachrichten. Auch hier wäre mir lieber, ich wüsste nichts von Karakalpakstan, aber den Menschen ginge es dafür gut.
Aber Katastrophen müssen nicht im Fernsehen gesendet werden, um lehrreich zu wirken. Gerade hat sich etwas in Nicks Freundeskreis ereignet, was zumindest in der Familie seines besten Freundes als Desaster aufgefasst wurde. Ich erfuhr davon aus erster Hand, weil der Vater des Jungen bei mir anrief. Ralf berichtete dabei vom endlosen Kampf gegen das THC im Körper seines Sohnes. Finn hat bereits zwei Ehrenrunden gedreht, weil er übers Kiffen vollkommen vergisst, in die Schule zu gehen. Eigentlich vergisst er außer Kiffen so ziemlich alles.
Ralf entschied sich schließlich für enge Personalführung und drohte Finn an, ihn samt seiner Bong auf die Straße zu setzen, wenn er nicht dem Gras abschwöre. Vor die Wahl gestellt, im englischen Garten oder in seinem kuscheligen Zimmer mit eigenem Bad zu übernachten, entschied sich Finn für sein Elternhaus und hörte tatsächlich auf zu kiffen. Allerdings musste er sich wöchentlichen Drogentests unterziehen, die er stets gut gelaunt absolvierte, indem er mit einem leeren Wasserglas ins Bad ging und mit einer Urinprobe rauskam.
Jeder einzelne Test war negativ. Neun Monate lang hatten seine Eltern nichts zu beanstanden und auch in der Schule ging es langsam bergauf. Finn blieb sauber. Jedenfalls dachte sein Vater das. Aber dann funktionierte die Spülung der Toilette in Finns Badezimmer nicht mehr. Ralf öffnete den Spülkasten, um nachzusehen, was da klemmte – und entdeckte darin eine Plastikflasche mit einer gelben Flüssigkeit, ungefähr ein halber Liter. Er stellte die Flasche auf den Esstisch und wartete auf seinen Sohn. Als Finn nach Hause kam, wurde er mit der Ersatzflüssigkeit konfrontiert. Er hatte dafür keine Erklärung und alles, was er dazu sagte, wurde als dreiste Lüge zurückgewiesen. Eine Katastrophe, eine Familie am Rande der Kernschmelze. Dann rief mich Ralf an und schilderte den Fall. Ich werde leider oft in Erziehungsdingen gefragt, was ich für ein furchtbares Missverständnis halte, denn ich bin eine pädagogische Null. Ich empfahl Ralf, seinen Sohn umgehend zu enthaupten.
Dann kam Nick vom Skatepark. Er hatte Hunger und wir spazierten zu unserer Lieblings-Pizzeria. Nick schilderte mir auf dem Weg seine neue Geschäftsidee. Diese besteht darin, dass er gegen Geld uncoole Leute in der Öffentlichkeit begleitet, damit etwas von seinem Glanz auf sie abfärbe. Für den Gang zum Italiener wollte er mir zehn Euro in Rechnung stellen, aber ich lehnte ab. Beim Essen erzählte ich ihm dann von Finn und seiner Schummelei beim Drogentest.
Da riss mein Sohn sein Handy aus der Tasche und rief hektisch bei Finns Familie an. Nick erklärte dem immer noch aufgelösten Vater, was es mit der Flasche auf sich hatte. Er selbst hatte diese im Spülkasten versteckt. Auf einer Party vor zwei Monaten. Er habe den Inhalt nicht teilen wollen. Und am Ende habe er die Pulle dort vergessen. Finn wisse rein gar nichts von der Existenz dieser Köstlichkeit. Ehrenwort. Ralf fragte, was in der Flasche sei und Nick sagte: „Eine delikate Wodka-Red-Bull-Mische.“ Finn war also total unschuldig. Und dann lernte ich den Begriff, der mit dieser Katastrophe verbunden war. Das gute Wort in der schlechten Geschichte sozusagen. Nick erhielt nämlich eine Minute später eine WhattsApp-Nachricht von Finn. Und darin stand nur ein Wort: „Ehrenmann.“