Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kapselheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 02.01.2023

818_Die Zitronat-Bombe

Als ich klein war, bekamen wir jedes Jahr ein Päckchen aus der DDR. Darin befand sich ein Geschenk von Verwandten, wohl eine Art Ausgleich für die Pakete, die wir ihnen schickten. In unseren befanden sich Jeans, Sweatshirts, manchmal Bücher, Nuß-Nougat-Creme und auch von mir mit Hingabe bespielte Cassetten. Man weiß heute, dass die Stasi damals diese West-Pakete um diese Cassetten plünderte und die darauf gebannte Musik von David Bowie und den Sex Pistols mit Aufnahmen der Gespräche ihrer Landsleute beim Kaffeetrinken oder Fluchtpläne schmieden überspielte. Es bestand ein akuter Mangel an Tonband im Osten.
Wovon man dort hingegen überreichlich besaß, war Zitronat und Orangeat. Leider war das Zeug für die Produktion von Tonaufnahmen nicht besonders hilfreich, sodass man sich entschied, große Mengen davon in Dresdner Christstollen zu verbacken und diesen dann in agitatorischer Absicht in den Westen zu verschicken. Womöglich setzte man dabei staatlicherseits auf die zügige Auslöschung des Klassenfeindes vermittels Zitronatvergiftung. Anders konnte ich mir als Junge die fiesen Popel im Stollen nicht erklären.
Der Dresdner Stollen als hybrides Wesen zwischen Brot und Kuchen kann auch lecker sein. Die zuckrige Kruste weiß durchaus zu gefallen, auch der bröselige Teig weckt Erinnerungen an leckere Oma-Plätzchen. Allerdings bezahlt man für diesen Genuss mit der Mühsal, sämtliche Zitronat-Brocken und Orangeat-Krümel aus der Scheibe zu puhlen, was zu deren völliger Zerstörung führt. Stollen ist absolut kein Spaß. Jedenfalls für mich. Es wird Menschen geben, die das Zeug gerne essen, aber die mögen auch Schweinskopfsülze und Harzer Käse. Es spricht einiges dafür, dass der Dresdner Stollen aus demografischen Gründen in wenigen Jahren verschwunden sein wird, wenn er sich nicht einem radikalen Wandel im Zutatenbereich unterwirft.
Ein großer Abnehmer von Dresdner Stollen ist der Verlag, in dem meine Bücher erscheinen. Es handelt sich um einen großen Laden, sie haben ein paar hundert Autorinnen und Autoren dort. Und wenn jeder und jede von ihnen vor Weihnachten genau wie ich einen Dresdner Stollen bekommen, muss einem um die Dresdner-Stollen-Industrie erst einmal nicht bange werden. Als im vergangenen Jahr das Paket bei mir ankam, freute ich mich sehr, weil ich Besuch aus Sachsen erwartete und ihnen mit der regionalen Spezialität aus ihrer Heimat eine Freude machen konnte. Dachte ich jedenfalls. Sie verschmähten den Stollen dann aber und aßen dafür bis zur völligen Verstopfung Nürnberger Lebkuchen.
In diesem Jahr wollte ich es besser machen und den teuren Stollen an jemanden weitergeben, der damit mehr anfangen kann als ich. Ist ja schade drum. Ich klingelte vorgestern gegenüber bei Maria und als sie öffnete, überreichte ich das gute Stück mit einer kurzen Festrede. Ich sprach von der guten Nachbarschaft und bedankte mich dafür, dass sie häufig meine Pakete annimmt und Nick mit dem Ersatzschlüssel aushilft, wenn er nachts um drei seinen Schlüssel nicht mehr in der Hosentasche findet. Sie nahm den Stollen und freute sich.
Gestern brachte ich dann selbst eine Postsendung eine Treppe höher zu den Nachbarn Manni und Heike. Nette Leute mit drei Kindern, die gerne Basketball spielen, wenn ich am Schreibtisch sitze und mich konzentrieren muss. Manni öffnete, nahm das Paket und bat mich, kurz zu warten. Nach einer Minute kam er wieder an die Tür und sagte: „Wir wissen, dass wir manchmal echt eine Zumutung sind. Und Du hast Dich noch nie beschwert. Dafür möchten wir uns einfach mal bedanken.“ Mit diesen Worten legte er mir meinen Dresdner Stollen in die Arme, als sei es das Jesuskind. Ich war zu überwältigt, um mich zu wehren.
Beim Runtergehen kam mir dann ein teuflischer Plan. Ich klingelte bei Maria und als sie aufmachte, bedankte ich mich dafür, dass sie häufig meine Pakete annimmt und Nick mit dem Ersatzschlüssel aushilft, wenn er nachts um drei seinen Schlüssel nicht mehr in der Hosentasche findet. Maria sah mich lange an. Ich konnte ihre Gedanken lesen. Sie dachte: Entweder er ist verrückt oder ich bin es. Es wird sie noch lange beschäftigen. Bis Silvester 2023. In diesem Sinne Frohes neues Jahr.