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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.01.2023

819_Definitionen sind schwer

Am Mittwoch las ich in der Zeitung, dass die SPD noch keine klare Haltung zum Silvestervideo der Verteidigungsministerin habe, weil sowohl der Parteivorsitz als auch der Generalsekretär im Urlaub seien. Das ist so: Dinge bleiben liegen, wenn keiner da ist. Mein Zahnarzt ist auch in den Ferien und Nick ebenfalls. Er vergnügt sich mit seinem Snowboard und einigen Freunden in den Bergen und berichtete mir am Telefon, dass die Freunde gerne abends gemütlich auf der Hauptschultrompete spielen.
Ich fragte ihn, was eine Hauptschultrompete sei, und er erklärte mir, dass es sich dabei um eine Wasserpfeife handele. Das Wort ist natürlich diskriminierend, aber ich schaffe es einfach nicht, solche Begriffe nicht lustig zu finden. Jedenfalls ist er im Urlaub. Und Kevin Kühnert ist ebenfalls in den Ferien. Wobei strenge Leserinnen und Lesern natürlich sofort darauf hinweisen, dass Urlaub und Ferien nicht das Gleiche seien. Ferien haben Schülerinnen und Schüler, Urlaub nehmen Angestellte. Die Ferien werden von einer Institution, zum Beispiel einer Schule verfügt, den Urlaub muss man beantragen oder man schließt die eigene Firma zu und fährt in die Berge, um Hauptschultrompete zu spielen.
Mit Definitionen muss man immer sehr genau und vorsichtig sein. In den vergangenen Tagen verfolgte ich diesbezüglich eine Debatte darüber, ob Darts eine Sportart sei oder nicht. Ich würde als Nichtkenner der Materie sagen, nein. Dann ist auch Bierdeckel-Lupfen Sport. Und Schafkopfen. Und Flippern. Das kann man alles mit Bierbauch absolvieren und an dieser Ausprägung eines eher prekären Fitness-Zustandes kann man bereits ablesen, dass hier kein Sport absolviert wird, denn Sport formt den Körper nicht zur Birne.
Fans des Pfeilwerfens argumentieren, dass man sich dabei überdurchschnittlich gut konzentrieren müsse, dass es eine große körperliche Herausforderung sei, stundenlang diese Wurfbewegung auf hohem Niveau auszuführen und dass sportliche Betätigung nicht zwangsläufig bedeute, dass man sich körperlich völlig verausgabe. Letzteres habe man bei den Deutschen während der Fußball-WM auch nicht gesehen und dennoch würde niemand in Abrede stellen, dass sie dort Sport getrieben habe. Das stimmt. Dennoch kann ich mir unseren Darts-Helden Gabriel Clemens nur ganz schlecht im Mittelfeld der Nationalelf vorstellen, selbst wenn er im Gegensatz zu jener das Halbfinale der WM erreicht hat.
Aber ich bin auch ein ignoranter Sack. Ich kann zum Beispiel nicht nachvollziehen, dass ein veganes Fleischfondue Freude macht, zumal, wenn man es durch alkoholfreien Sekt ergänzt. Ich habe das an Silvester beobachten können. An einem Ende der Tafel saß die Rinder– und Rotwein-Fraktion, am anderen die vegane Kindersekt-Gruppe. Ich fand hinterher, dass ich als Fleischesser mehr Spaß hatte. Trotz des immensen Katers hinterher.
Egal. Jedenfalls konnte die SPD sich erst nicht zu Frau Lambrechts irrlichterndem Auftritt äußern. Wegen Urlaubs. Mit anderen Worten: Wenn die alle nicht da sind, passiert gar keine Politik. Und wenn keine Politik passiert, muss man sich auch nicht darüber ärgern. Und wenn man sich nicht ärgern muss, ist eigentlich alles gut. Das ist zwar eine zwingende Schlussfolgerung, aber sie lässt außer Acht, dass dann alle Politikerinnen und Politiker in Ermangelung eines Plenums im Lambrecht-Style Videos aus dem Urlaub schicken würden.
Das ginge dann so: Volker Wissing meldet sich von der Raststätte Steigerwald und brüllt in den tosenden Verkehr hinein, dass jetzt nicht die Stunde für Tempo 100 sei, denn er müsse ganz ganz schnell hier weg. Christian Lindner filmt sich selbst im Sonnenuntergang vor der Sansibar und tritt bei einem Gläschen Rosé für die Belange breiter Bevölkerungsschichten ein, die größere Parkplätze für ihre SUVs benötigen. Gerade auf Sylt sei das ein immer drängenderes Problem, er sei gerade ständig mit betroffenen Bürgern im Kontakt. Und Robert Habeck verkündet mit zerzausten Haaren im Wind stehend, dass mit dem kommenden Entlastungspaket kleine und mittlere Betriebe zwar nicht direkt entlastet, aber auch nicht sehr viel stärker belastet würden als große Unternehmen, was ja schon mal eine gute Nachricht sei. In diesen Zeiten. Irgendwie.