Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Buntbarschboy … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.01.2023

820_Früher war es dunkler

Zeitzeugen sind die schlechtesten Zeugen. Das habe ich mal gelesen. Sie neigen dazu, Erinnerungen zu verklären oder in Zusammenhänge zu bringen, die sich jedoch erst lange nach der Zeugenschaft ergeben. Auf diese Weise werden ihre Aussagen häufig von Ungenauigkeit verwischt. Das kenne ich von mir selbst. Wenn man mich fragt, wann das Leben besonders gut und unbeschwert war, dann werde ich wie viele Menschen den Zeitraum zwischen meinem siebzehnten und zwanzigsten Lebensjahr nennen.
Es könnte jedoch sein, dass ich das nur glaube, weil ich einem gängigen Irrtum aufsitze. Demnach muss früher alles leichter gewesen sein, weil heute alles viel schwieriger ist. Aber früher war in Wahrheit keineswegs alles leichter oder sogar besser, sondern nur anders. Ich fürchte, unsere Erinnerung an eine heile Welt in unserer Jugend dient nur der Nahrung unserer Furcht vor der Zukunft. Man könnte auch sagen: Wenn ich damals gewusst hätte, wie sagenhaft wundervoll meine Jugend war, hätte ich sie vielleicht mehr genossen. Man muss schon länger in sich hineinhorchen, um die Gefühle von früher noch einmal nachzuvollziehen. Und dabei komme ich zu dem Schluss, dass ich in Wahrheit dieselben Probleme hatte wie meine Kinder heute. Eine gewisse Unentschlossenheit bestimmte mein Handeln, dazu besaß ich kein großes Vertrauen in meine Fähigkeiten und empfand mich bereits als monströs, wenn ich mal einen Pickel auf der Stirn hatte.
Als bräuchte es einen Beweis für die These, dass man mit dem Gestern gnädiger umgeht als es angemessen wäre, schickte mir heute eine Freundin von früher Fotos, die sie vor vierunddreißig Jahren von mir gemacht hat. Sie befand sich damals in der Foto-Ausbildung und ich sollte für sie posieren, als Model in Anzug und mit Krawatte Ein hübscher Bubi ist das, aber man sieht ihm keineswegs an, dass er gerade die beste Zeit seines Lebens hat. Im Gegenteil. Der junge Mann auf den Fotos sieht betont ernst in die Kamera, zögerlich, wenig siegessicher. Er lächelt auf keinem Bild. Vielleicht wäre er ja in schallendes Gelächter ausgebrochen, wenn ihm damals jemand gesagt hätte, dass er diese Zeit seines Lebens später einmal als herausragend großartig bezeichnen würde. Ohne diese Bilder, deren Existenz ich lange vergessen hatte, würde ich jetzt noch der Meinung von gestern sein, nämlich dass Ende der achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre das Leben ein reines Vergnügen war. In Wirklichkeit hat jede Epoche viel Licht – und ebenso viel Schatten.
Carla, die nun vierundzwanzig ist, begann neulich einen Satz mit den Worten: „Früher, als ich noch jung war.“ Ich musste darüber sehr lachen und fragte sie, was sie denn glaube, jetzt zu sein? Alt? Sie sagte: „Ich könnte ja technisch gesehen schon Mutter sein. Dann wäre ich automatisch alt. Und wenn man alt ist, beginnt man, wunderliche Dinge über die Vergangenheit zu sagen.“ Ich bin sehr froh, dass sie noch keine Mutter ist, denn dann wäre ich Großvater, was mir entschieden verfrüht erscheint.
Apropos Großeltern: Die einzige wirklich glaubhafte Zeitzeugin, die ich jemals persönlich getroffen habe, war meine Großmutter aus Berlin. Sie war Jahrgang 1914 und wurde über hundert Jahre alt. Kurz vor ihrem Tod unterhielt ich mich mit ihr über ihr Lieblingsbuch. Das war „Effi Briest“ von Theodor Fontane. Sie erzählte, dass sie alle Verfilmungen gesehen habe und dass ihr jene von Rainer Werner Fassbinder am besten gefallen habe. Überhaupt Fassbinder. Seine Verfilmung von „Berlin Alexanderplatz“ fand sie genial. Sie sei davon tief berührt gewesen. Ich wies sie darauf hin, dass die Serie von Fassbinder immer sehr dafür kritisiert worden sei, dass sie so unfassbar düster daherkam. Es gab dort Szenen, die so schummrig waren, dass das Publikum an den Helligkeits-Einstellungen der Fernseher herumspielte, um überhaupt etwas sehen zu können.
Meine Großmutter dachte einen Moment nach und sagte: „Weißt Du Junge, das ist es ja gerade. In Berlin war es 1928 so dunkel. Wir hatten da keine 100-Watt-Glühbirnen.“ Sie konnte sich noch genau an die zwanziger Jahre erinnern, was mich sehr faszinierte. Und sie fand ihre Jugend damals: eine wundervolle Zeit.