Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Personenvereinzelungsanlage … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 24.01.2023

821_Pizza für den Pimp

Was das Thema Kulinarik angeht, verläuft ein tiefer Graben durch unsere Wohnung. Während ich finde, dass man Gemüse nicht nur kaufen, sondern auch zubereiten und sogar verzehren kann, ist mein Sohn Nick der Meinung, dass man grundsätzlich nichts essen sollte, womit man erst mühsam in der Küche hantieren muss. Er besteht darauf, dass dies andere machen können, vorzugsweise Mitarbeiter der Firmen Frosta, Langnese oder Nestlé. Es ist mir in zwanzig Jahren nicht gelungen, Nick an den Herd zu bekommen. Und das, wo ich selbst gerne koche. Wahrscheinlich ist das der Grund. Es handelt sich wohl um einen Akt der Abgrenzung zum Vater. Ich habe letztens etwas über einen protestantischen Pfarrer gelesen, der sehr damit hadert, dass sein Sohn Satan anbetet. Unser Satan heißt Dr. Oetker.
Letzte Woche konfrontierte ich Nick mit einem Apfel. Ich hielt ihn in die Höhe und begann ein Impulsreferat über diesen weltweit erfolgreichen Imbiss. Wahrscheinlich ist der Apfel Weltmarktführer im Snackbereich. Und das nicht ohne Grund: Er hat eine praktische Form, und man muss noch weniger Mühe in seine Zubereitung investieren als in die einer Fünf-Minuten-Terrine. Es gibt ihn überall und seine Entsorgung ist leicht möglich. Äpfel sind toll und sie schmecken häufig nicht einmal nach Apfel. Für jemanden wie Nick, der „Aroma“ vermutlich für den Namen einer Südsee-Insel hält, eigentlich perfekt.
Aber er fand, Äpfel seien was für Boomer wie mich. Er ziehe Eistee und Oreo-Kekse vor. Nick nahm sich einen Schoko-Sahne-Pudding aus dem Kühlschrank und sagte: „Außerdem muss ich gar nicht kochen, weil Du das immer machst. Wenn Du nicht da bist, koche ich sehr wohl, Kamerad Schnürschuh.“ Das ließ mich aufhorchen. „So? Was denn?“ fragte ich. Nick hob die Schultern und sagte, dass es sich um Geheimrezepte handele, die er mir nicht verraten werde. Ich antwortete, dass er sie nur deshalb nicht preisgeben wolle, weil es sie gar nicht gebe. Dieser Bauerntrick funktionierte wie immer erstaunlich gut, denn er sagte, dass er es mir beweisen könne. Er werde von Montag bis Freitag eigenhändig kochen. Dann verlangte er 500 Euro für den Einkauf. Ich gab ihm fünfzig.
Am Montag gab es Zuckerbrot. Dabei handelt es sich um eine Scheibe handelsüblichen Mischbrotes, welches man mit kalter Butter bestreicht, um es dann mit Zucker zu panieren. Ein ausgesprochen karges, aber nicht übles Mahl. Schnell zubereitet, schnell gegessen. Mit den Worten meines Sohnes: Kleiner Arsch, schnell geleckt. Am Dienstag servierte Nick gepimpte Pizza. Er verwendete dafür das billigste Tiefkühlprodukt, das es gibt. Etwa zur Hälfte der Garzeit wird es üppig belegt, und zwar mit Bifi. Den nötigen Pepp erzeugen zwei Esslöffel „Pain“. Das ist eine grotesk scharfe Sauce. Ich glaube, man kann damit auch Lack entfernen und Kriege gewinnen. Mittwochs gab es dann heiße Himbeeren mit Vanille-Eis. Ich bestand darauf, dass es sich dabei keinesfalls um eine vollwertige Mahlzeit handele, sondern um ein Dessert. Wenn überhaupt. Aber Nick legte überzeugend dar, dass er gekocht habe. Die tiefgefrorenen Himbeeren. In einem Topf. Ich musste zustimmen, auch wenn die heißen Himbeeren teilweise noch recht frisch und knackig daherkamen.
Am Donnerstag bereitete Nick Kochbeutel-Reis mit Erbsen aus der Dose und Ketchup zu. Man kann hier mit etwas gutem Willen bereits von einer Art Rezept sprechen. Und es war nicht ungenießbar. Am letzten Tag seiner Verpflichtung als Küchenchef präsentierte Nick schließlich die Krönung seiner Kunst: Fischstäbchen-Wraps. Man nehme dafür fertige Wrap-Fladen und bestreiche diese großzügig mit Remoulade. Dann lege man drei Fischstäbchen in die Mitte. Wichtig: Die Fischstäbchen zuvor in der Pfanne braten. Als letztes drapiere man eine oder mehrere dünne Gurkenscheiben (diese erhält man durch Schälen und Schneiden einer so genannten Salatgurke) auf den Fischstäbchen. Nun schlage man die Fischstäbchen zunächst einmal von unten nach oben, danach von links und rechts in den Fladen ein, sodass eine Art Tasche entsteht.
Ich war sprachlos, aber es schmeckte fabelhaft und ich wurde satt. Ich denke, ich werde dieses Rezept in den heiligen Koch-Almanach der Familie aufnehmen. Nick ist darauf sehr stolz.